Der
Doppelkolbenmotor
Der Doppelkölbler hat in den letzten 25
Jahren in Österreich eine derartige Verbreitung gefunden, dass
man sich das Verkehrsbild ohne die vielen
Doppelkolbenmaschinen einfach nicht mehr vorstellen kann.
Neben manchem Veteranen aus der „Pionierzeit" des
Doppelkolbenzweitakters (Puch 220 und 175) sind es aber vor
allem moderne und modernere Konstruktionen, die daran großen
Anteil haben. Wir denken hier nicht nur an die „schwarze" TT,
an die „rote" TS und SL, an die TF und TFS usw. der weit über
die Landesgrenzen bekannten Grazer Firma Puch, sondern auch an
die ausgezeichneten, hier weniger bekannten Doppelkolben —
Drehschieber — TWN BD 250, die auch hie und da zu sehen ist
und mit ihren 12 PS bei 3850 U/min seinerzeit nicht nur
ohv-Viertakter weit in den Schatten gestellt hat, sondern auch
heute noch zum Besten gehört, was je verdient, Motorrad
genannt zu werden.
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Etwas Historisches
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Die 122 LM war der Urahn der
Doppelkolbenmaschinen bei Puch
Bild:
www.puchclub.de |
Dass die Erzeugung von Puch-Motorrädern in
der Krisenzeit der ersten Zwanzigerjahre nicht eingestellt
wurde, ist einem Geistesblitz Direktor Marcellinos zu
verdanken, dessen Namen mit dem Doppelkolbenmotor ebenso
untrennbar verbunden ist wie der Name Garelli. Der Italiener
Garelli verwendete nämlich damals eine 350er
Doppelkolbenmotorkonstruktion mit zwei vollkommen gleichzeitig
auf und ab arbeitenden Kolben (gemeinsamer Kolbenbolzen!), mit
dem es ihm gelang, den seinerzeit noch übergroßen „Durst" des
Zweitakters radikal zu reduzieren. Die beiden Zylinder waren
durch eine Zwischenwand getrennt und durch einen gemeinsamen
Verbrennungsraum verbunden, so dass das in den einen Zylinder
eingeblasene Frischgas erst in diesem hochströmen musste und
nach einer Wendung um 180° (im Verbrennungsraum) in den
anderen Zylinder, der mit dem Auspuff verbunden war, gelangen
konnte. Bevor wesentliche Frischgasmengen durch
Auslass-Schlitz und Auspuffleitung ins Freie entweichen
konnten, wurde der Schlitz von dem einen der hochgehenden
Kolben schon wieder abgesperrt. Dadurch wurden die
Frischgasverluste, die bei Einkolbenzweitaktern leider auch
heute noch in unangenehm fühlbarem Maß auftreten, wesentlich
reduziert, und die Leistung konnte erhöht werden. Dieser
Umstand war vor allem der Gleichstromspülung des Motors zu
verdanken. Direktor Marcellino tüftelte an dem Garelli-Motor
so lange herum, bis ihm jene Idee einfiel, deren
Verwirklichung nicht nur die weitere, wesentlich billigere
Fabrikation von Motorrädern in den Puch-Werken ermöglichte,
sondern den Puch-Motoren auch jenes Plus an Leistung und jenes
Minus an Verbrauch gab, das ihnen ermöglichte, ihre
Konkurrenten immer wieder hinter sich zu lassen. Aus der
entscheidenden Skizze von Direktor Marcellino entstand
zwischen 1921 und 1923 allmählich die LM 122, das erste
Puch-Modell mit Gabelpleuel, Kolbenrelativbewegung und
Gleichstromspülung, dessen Verkaufserfolg dem Gedanken an eine
Auflösung der Puch-Motorradwerke endgültig den Garaus machte.
Gleichstromspülung, Gabelpleuel und Kolbenrelativbewegung?
Warum, weshalb, wozu und wieso? |

Leistungsverlust
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Schema des Nasenkolbenzweitakters (mit
Querstromspülung). |
Wir haben in den Abb. l, 2, 3 und 4 einige
Zweitakterbauarten dargestellt. Sie sind nicht die einzigen,
aber zur Beantwortung der gestellten Fragen reicht ihre
Gegenüberstellung ohne weiteres aus. Die erste Skizze zeigt
den prinzipiellen Aufbau eines Nasenkolbenzweitakters mit
Querströmspülung (eine Art Gleichstromspülung, Ab- und
Frischgase durchströmen den Zylinder in einer Richtung). Beim
Niedergang des Kolbens wird das Gemisch vordichtet, welches
ins Kurbelgehäuse gesaugt wurde (durch den Einlass-Schlitz)
und gelangt durch den Spülkanal und -schlitz in den Zylinder,
nachdem der Kolben mit seiner oberen Kante zuerst den
Auslass-Schlitz freigegeben hatte, so dass verbranntes Gas
durch Auspuffschlitz und -leitung aus dem Zylinder entweichen
konnte. Beim Einströmen trifft das Frischgas auf den
Kolbenhöcker (-nase) auf, der den Gasstrom in den Zylinder
hochführen soll. Das „Aufrichten" des Gasstromes geschieht
leider nicht 100%ig, wodurch Frischgas auf dem
„Kurzschlusswege" schnurstracks in den Auspuff entfleucht. Der
Auslass wird früher geöffnet als der Einlass, damit das
verbrannte Gas bereits etwas entspannt ist, bevor der
Überstromkanal öffnet.
Dadurch bleibt aber, wenn der Kolben
wieder hochgeht, auch der Auslass länger offen, somit ist eine
zusätzlich Möglichkeit für das Frischgas gegeben, durch den
Auslass zu desertieren. Das ist aber noch nicht alles. Dem
Frischgas gelingt es nie, den Zylinder vollkommen
„auszuspülen", das heißt, das Verbleiben von Abgasresten im
Zylinder zu verhindern. Leider! Sowohl der Frischgasverlust
als auch der Abgasrest im Zylinder mindern die nutzbare
Zylinderladung und damit die Leistung.
Überdies wird aber auch der Verbrauch an Brennstoff erhöht. |

Schnürle
Umkehrspülung
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Ü = Überströmkanal - R = Rest an
Auspuffgasen -
A = Auslass-Schlitz
Links: Schema eines Gegenkolbenmotors
Rechts: So entstand aus dem Gegenkolbenmotor der
Doppelkölbler. |
Die Grundprobleme des Zweitakters sind
also: l. Möglichst gute Entleerung des Zylinders von Altgas
und 2. Verhinderung von Frischgasverlusten. Diese Probleme
können mit einer anderen Spülungsart besser gelöst werden, der
bekannten Schnürle-Umkehrspülung. Die Spülschlitze sind
zwischen oder neben den Auslass-Schlitzen angeordnet und
leiten das Frischgas schräg nach hinten über den Kolben zur
hinteren Zylinderwand, entlang welcher es hochströmt. Im
Zylinderkopf „kehrt es um" und gelangt hernach zum
Auslass-Schlitz, in dem es Altgas vor sich „herschiebt".
Dadurch spült es den Zylinder besser aus und hat weniger
Gelegenheit, durch den Auslass zu entweichen. Die
Umkehrspülung ist übrigens die beste Spülform für
Einkolbenzweitakter! Sie verursacht geringe Frischgasverluste
und ermöglicht eine hohe Leistung.
Gleichstromspülung
Noch günstigere Ergebnisse aber zeitigt
die Gleichstromspülung. Die zweite Abbildung zeigt, wie sie
wirtschaftlich verwirklicht werden kann: im Gegenkolbenmotor.
Zwei Kolben gleiten in einem Zylinder auf und ab. Jeder
betätigt über je ein Pleuel eine der Kurbelwellen, die z. B.
über Zahnräder gekoppelt sind. Hier ist es möglich, den
„Auspuffkolben" (steuert den Auslass) „voreilen" zu lassen, so
dass er den Auslass öffnet, bevor der Spülkanal aufgemacht
wird! Erst wenn der Auslass wieder beinahe oder ganz
geschlossen ist, öffnet der untere Kolben die Spülschlitze und
das Frischgas kann einströmen, ohne dass wesentliche Mengen
davon durch den Auslass entweichen, bevor sie ihre Pflicht
erfüllt haben! Nun, so ein Gegenkolbenmotor ist eine schöne
Sache, hat aber oft eine eigene „Spülpumpe" (keine
Kurbelgehäuseansaugung). Er ist zwar verhältnismäßig
leistungsstark und sparsam im Verbrauch, jedoch auch relativ
teuer (zwei Kurbeltriebe!), weswegen er für Motorräder
normalerweise nicht verwendet wird. Im Flugmotorenbau hat er
sich allerdings gut eingeführt (Junkers Flugdiesel „Jumo-204"
bis „207").
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Puch
Doppelkolbenmotor mit Gabelpleuel
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Noch einmal der Doppelkölbler, diesmal
mit Gabelpleuel und
Kurbelwelle, Ausgleichsgewichten usw. Damit der
Auspuffkolben
voreilen kann, muss sich die Kurbelwelle rechts-,
anstatt linksherum drehen! |
Derselbe bzw. weitgehend derselbe Effekt
wie beim Gegenkolbenmotor ist beim Puch-Doppelkolbenmotor nach
Abb. 2 (rechts) und Abb. 3 zu erreichen! Das Gabelpleuel
bewirkt, dass der Auspuffkolben dem Spülkolben (steuert den
Überströmschlitz) voreilt und den Auspuffschlitz zu schließen
beginnt, wenn der Spülkanal öffnet. Wenn nun letzterer ganz
offen ist, ist der Auslass schon wieder fast oder ganz
geschlossen (je nach Voreilung), das Altgas weitestgehend aus
dem Zylinder entfernt und die Gefahr des Frischgasverlustes
beinahe vollständig ausgeschaltet. Das in den Zylinder
eingeblasene Gas bleibt somit nahezu vollständig drinnen;
Leistung und Verbrauch sind dementsprechend gut. Durch die
Voreilung des Auspuffkolbens bzw. durch die Nacheilung des
Spülkolbens entsteht die sogenannte Kolbenrelativbewegung. Um
diese zu ermöglichen, muss bei Anwendung eines Gabelpleuels
das eine Pleuelauge schlitzartig anstatt kreisrund sein, damit
es sich quer zum Kolben bewegen kann. Selbstverständlich
stockt in diesem Pleuelauge ein „Flächenkolbenbolzen". Diese
Konstruktion ist bei hoher Drehzahl und Leistung nicht sehr
günstig, weswegen man neuerdings für beide Kolben getrennte
Pleuel vorsieht. Darüber und über andere Geheimnisse des
Doppelkölblers wollen wir uns später unterhalten. Dass das
Gabelpleuel aber auch bei größerer Drehzahl keineswegs
versagt, zeigen die vielen, prächtig laufenden Renn-„S4". |

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Kolbenvoreilung durch zwei
Pleuellager, von denen
eines vorversetzt ist (Schnitt durch den Motor der
TWN BD 250, Baujahr 1939).

Die Bauart der Nachkriegs-TWN:
Doppelkolben
auf Gabelpleuel mit quer laufender Kurbelwelle. |
Hohe Leistung und niederer Verbrauch
Es wäre selbstverständlich absurd, die Vorteile des
Doppelkolbenzweitakters nur theoretisch beweisen zu wollen.
Betrachten wir einmal zwei konstruktiv etwa gleich alte
Zweitakter: DKW SB 250 mit Umkehrspülung und Puch S 4 mit
Gleichstromspülung. Höchstleistung 9 PS bei 4200 U/min
gegenüber 10,5 PS bei 4100 U/min (max. Drehmoment 1,9 mkg bei
3000 U/miu gegenüber 2,0 mkg bei 3000 U/min)! Aber auch beim
Vergleich mit Viertaktern schneidet die S 4 keineswegs
schlecht ab. Der ohv-Viertakter BMW R 23, ebenfalls ein 250er,
leistet 10 PS bei 5200 U/min! Genug mit den
Leistungsvergleichen. Gehen wir zum Treibstoffverbrauch über.
Während die hohe Leistung des Doppelkolbenzweitakters nicht
jedermann unbedingt notwendig erscheinen wird, hat jeder
sicher seine Freude am geringen Verbrauch! Es ist unter
Technikern üblich, den Treibstoffverbrauch eines Motors in
Gramm pro Pferdestärke und Stunde (g/PS/h) anzugeben. Wir
wollen uns auch dieser Gewohnheit bedienen. Ing. Resehek maß
als Vergleich den Verbrauch der DKW SB 250 am Prüfstand mit
397 g/PS/h bei 3000 U/min (7,5 PS), während jener der
geprüften S 4 bei 3000 U/min (8,5 PS) nur 365 g/PS/h betrug.
(Heute brauchen beide noch etwas weniger!) Man sieht also,
dass die Sparsamkeit des Doppelkölblers eine reale Tatsache
ist.
Die innere Verwandtschaft der ersten drei Puch-Typen „LM 122",
„LM 2 — 350 Monza", „175" und „220" ist schon rein
literleistungsmäßig feststellbar. 13, 15, 17 und 18 PS/Liter.
1929, am Ende der ersten Entwicklungsperiode, gelang es, die
Leistung der Puch „T 250" auf 7,5 PS zu bringen, womit 30
PS/Liter erreicht waren. Die 500er Puchs brachten bezüglich
Hubraumleistung (28 PS/Liter) sichtlich keinen Fortschritt
(der sicher auch nicht beabsichtigt war). 1934 gelang der
große Wurf: Die „S 4" mit 10,5 PS, also 42 PS serienmäßiger
Literleistung, wurde greifbare Wirklichkeit. Bei der
Konstruktion der Puch-Typen „200" (1937, 30PS/Liter), „GS350"
(1938, 40PS/Liter) und „125" (1949, 41 PS/Liter) waren die
Grazer offenbar nicht auf Literleistungsjagd ausgegangen,
sondern sie trachteten, ruhige, robuste und verlässliche
Tourenmaschinen zu schaffen; was ihnen auch gelungen ist. 1939
trat die Triumph BD 250 auf den Plan, mit Einlassdrehschieber,
zwei Pleueln und 48 PS/Liter! Man staunte damals sehr über
diesen Erfolg! Während des Kriegs lag die Entwicklung mehr
oder minder still. Wohl wurde relativ früh an der Entwicklung
der „TF" herumgezwiebelt. Wirklich Bemerkenswertes ereignete
sich offiziell erst 1948, als die Zweivergaser-Puch „S 125"
erschien, die gleich einen grandiosen Six-Days-Erfolg
einheimste, ehe sie noch recht geboren war. 1950 zeigte
Direktor Reitz von den TWN wieder einmal, dass seine
Gehirnwindungen nicht ruhten und servierte uns eine
Achtellitermaschine ohne Kolbenvoreilung, die 55 PS/Liter
aufweist, und erst voriges Jahr führte Weingartmann auf der
Rennbahn von Monthlery eine „gekitzelte TFS" zu mehreren
internationalen Langstrecken-Rekorderfolgen. Diese Maschine
hatte sicher nicht viel weniger als 75PS Literleistung! Es
bleibt uns nur zu sagen: Hut ab vor dem Doppelkölbler! |
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Motorräder |
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Quelle |
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"Motorrad
Internationale Fachzeitschrift",
1952, Heft 21. |
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