Enduro 175 (1973)

 

Zäher Wüstenfuchs

Quelle: Das Motorrad 1973, Heft 25
Text und Fotos: Hubert Hohenlohe

Heute stellen wir eine echte Enduro-Maschine vor, wie sie für den amerikanischen Offroad-Markt bestimmt ist und dort in großen Stückzahlen verkauft wird, die Puch 175...

Ob sich für Enduromodelle in unserer zivilisierten Landschaft, in der jeder Quadratmeter verplant ist, Liebhaber finden, darüber hat es in Motorradfahrerkreisen schon heiße Diskussionen gegeben. Und die wollen wir mit dem vorliegenden Fahrbericht wieder etwas anheizen.

Die Marke Puch hatte bei uns bis zum Ende der 50er Jahre ein sehr profiliertes Image. Danach wurde es zehn Jahre lang still um die österreichische Motorradmarke. Jetzt ist Graz, über die Niederlassung in Freilassing, bestrebt, in Deutschland verlorenes Terrain zunächst bei den 50ern wieder gutzumachen. Größere Motorräder, also mit 125, 175 oder 250 ccm, werden bei Puch vorläufig nur in Gelände-, Enduro- oder Moto Cross-Ausführung gebaut. Enduro bedeutet Ausdauer. Diese Eigenschaft sollen die Maschinen beim Fahren in Wüsten oder wüstenähnlichen Gebieten zeigen. Bei diesen, man könnte fast sagen, expeditionsähnlichen Trips spielt die Ausdauer nicht zuletzt deshalb eine überragende Rolle, weil der Wüstenfahrer, falls seine Maschine ausfällt, völlig auf sich allein gestellt ist. Es kann durchaus sein, dass er eine Nacht im Freien zubringen muss, ehe er gefunden wird, oder selbst wieder eine menschliche Siedlung erreicht. Diese Wüsteneinsamkeit kann nicht nur auf das Gemüt drücken, sie birgt auch Gefahren für Leib und Leben, denn Skorpione, Klapperschlangen oder Kojoten freuen sich über die willkommene Abwechslung auf ihren Speisezettel. Ein richtiger Enduro-Fahrer in Amerika muss also selbst einigermaßen ausdauernd sein. Wie er diese Eigenschaften erreicht, ist seine Sache. Das Motorrad muss sie vom Hersteller mitbekommen: langer Radstand, relativ hohes Gewicht, kein überzüchteter Motor mit guter Luftfilterung. Ein Vergleich mit unseren Geländemaschinen, die ja für ähnliche Zwecke gebaut werden, zeigt, dass Enduros näher der Straßenmaschine verwandt sind (sie sind auch für den amerikanischen Straßenbetrieb zugelassen), wogegen unsere Geländemaschinen mehr zu den reinrassigen Moto Cross-Rennern tendieren.

Puch 175 Enduro

Für den US-Markt: Auspuffschalldämpfer leicht abnehmbar.

Nun aber zur Puch Enduro im besonderen. Diese wurde von uns mangels Zulassung (sie ist ja für die amerikanischen Straßengesetze hergerichtet) ausschließlich auf der Moto Cross-Strecke gefahren, abgesehen von ganz wenigen Kilometern über abgesperrte Waldwege, um etwa das Fahrverhalten auf der Straße zu erspüren. Dabei standen am Ende 540 Meilen auf dem Tachometer. Das entspricht 870 Kilometern. Mehr fährt auch ein Moto Cross-Fahrer nicht in einer halben Saison. Da unsere Piste Motor und Fahrwerk gehörig beansprucht, lässt diese Fahrstrecke einige Rückschlüsse auf die Zuverlässigkeit zu: die Maschine musste zwar öfters gewaschen werden, aber der Schraubenschlüssel trat nur zum Kettenspannen in Aktion. Die Puch Enduro machte ihrem Namen also Ehre.

Der Motor

Das muntere Triebwerk sorgt für Dynamik, das mächtige Rückgrat für
die nötige Festigkeit ...

Der Motor, ein schlitzgesteuerter Einkolben-Zweitakter, ist zwar in dieser Klasse nach der heutigen Standardbauweise gebaut, verdient aber hier Erwähnung, da Puch früher Doppelkolbenmotoren verwendete. Seine Leistung reicht offensichtlich aus, wie Vergleichsfahrten mit einer gerade neu auf dem deutschen Markt erschienenen anderen 250er Enduro zeigten.

Allerdings sollte, wie bei Hochleistungszweitaktern üblich, der Vergaser für jedes Wetter optimal eingestellt werden. Wer das nicht tut, kann trotzdem mit dem Motorrad fahren, eben einmal besser und einmal schlechter, was sich am Steilhang unserer Moto Cross-Strecke sehr deutlich zeigte. Der richtigen Drehzahl aber muss der Fahrer immer größtes „Ohrenmerk" schenken. Bei Untertouren und großer Gasschieberöffnung säuft der Motor weg, wie ein Spielzeugdampfer in der Badewanne.

Die Schwungmassen sind offensichtlich ausreichend dimensioniert, denn das sogenannte „Ausbremsen" vor engen Kurven (das hüpfende Hinterrad bleibt stehen und der Motor mit ihm) kommt ganz selten vor. Vergaser, Luftfilter und Elektrik sind hinter „schwarzer Unterwäsche" gut geschützt, doch empfiehlt es sich, das Höschen öfter einmal zur Inspektion auszuziehen. Die Schrauben zum Mischkammerdeckel z. B. lösen sich gelegentlich, und dabei könnte der Gasschieber in Vollgasstellung hängen bleiben. Wohl dem, der dann schnell genug den Zündschlüssel links neben der Sitzbank findet; denn ein Kurzschlussknopf am Lenker ist nicht vorhanden.

Feststellbare Verschleißerscheinungen zeigte der Motor nicht, denn wer das Herz hat, den Gasgriff am Anschlag zu lassen, der kann heute noch den Steilhang im III. Gang wie am ersten Testtag fahren. Über das Getriebe ist nichts Nachteiliges zu berichten. Der Fahrer schaltet und der Gang ist drinnen. So soll es ja sein. Offensichtlich hatte die Testmaschine schon das neue Getriebe eingebaut, denn zuvor waren hier einige Schwierigkeiten aufgetreten.

Der Rahmen, ein Meisterwerk

Der Rahmen weist Puch-typische Besonderheiten auf: So sind die
Rahmenunterzüge zwar unten geschweißt, aber oben nur verschraubt.

Über den Rahmen könnte fast eine entwicklungsgeschichtliche Doktorarbeit geschrieben werden. Nur unter solchen Gesichtspunkten sind seine technischen Inkonsequenzen zu erklären, die aber, wie könnte es in Österreich anders sein, liebenswert sind. In der Praxis, beim Fahren, macht der Rahmen einen sehr sympathischen Eindruck, und darauf kommt es ja an. Etwas schnodderig ausgedrückt könnte der Rahmen als „dreiviertelgeschraubt" bezeichnet werden: der linke Unterzug ist oben und unten angeschraubt, der rechte dagegen nur oben, unten ist er mit dem Hinterrahmen verschweißt. Diese Inkonsequenz ist wirklich charmant. Normalerweise verwendet der Konstrukteur Schraubverbindungen, wenn durch das Lösen der Schrauben eine Demontage möglich ist. Hier kann aber beim Lösen der oberen Schraube der rechte Unterzug nicht aus seiner Lage entfernt werden, er ist ja unten angeschweißt. Die komplette Demontagemöglichkeit des linken Unterzugs, hier haben die Schrauben einen Sinn, ermöglicht leichteres Einsetzen des Motors am Fließband. Na ja, wenn der Rahmen trotzdem steif bleibt, was offensichtlich der Fall ist, dann ist ja alles in Ordnung.

In der Versuchsabteilung von Puch wurde uns die Rahmenkonstruktion so erklärt: die SL-, SV-, SG-Modelle der 50er Jahre hatten, wie vielen unserer Leser sicherlich noch erinnerlich, einen Rückgratrahmen aus gepresstem Blech. Ein Teil dieses Rahmens (das obere Rahmenrohr) ist, wie die Bilder zeigen, bei der heutigen Puch als „Rudiment" noch vorhanden und wohl mit für den steifen Rahmen verantwortlich. Bei den Wettbewerbsmaschinen wurden dann Ende der50er Jahre Unterzüge angeschweißt. Danach traten Rahmenbrüche auf. Jetzt kam jemand auf den Gedanken, die Unterzüge nur unten anzuschweißen, oben dagegen anzuschrauben und, siehe da, es gab keine Rahmenbrüche mehr. An diese grundlegende Erfahrung erinnert man sich heute in Graz immer noch. Warum auch etwas ändern, was sich bewährt hat. Die Werks-, Moto Cross- und Geländemaschinen haben übrigens den halbgeschraubten Unterzug rechts und links. Die leidgeplagten Versuchsmonteure bekommen den Motor offensichtlich auch so in den Rahmen. Doch bei den diesjährigen Six Days hat sich die beschriebene Rahmenkonstruktion mit einem dritten Platz im Wettbewerb um die Trophy empfohlen. Wie schon gesagt, der Eindruck, den das Fahrgestell beim Fahren macht, ist ausgezeichnet. Kursstabil bergauf, gutmütig bergab und leicht zu dirigieren in Längsrillen. Mit diesem Fahrwerk ist es wahrscheinlich keine Katastrophe, wenn das Vorderrad beim Wüstenrennen mit größerer Geschwindigkeit einmal unversehens einen schakalkopf-großen Stein trifft.

Eine wirklich feine Enduro ...

Hier kann man am nackten Fahrgestell eine Menge interessanter
Details sehen: das mächtige Rahmen-Hauptrohr ebenso wie die lange
Telegabel, den Triebwerks-Unterzug, die Filzauflagen für den Tank

Die Stoßdämpferabstimmung ist von der weichen Sorte, begünstigt durch die langen Federwege. Zusammen mit der vernünftig proportionierten Sitzbank und dem relativ hohen Lenker ermöglicht das lange, ermüdungsfreie Fahrten im Gelände, wie sie von einer Enduro verlangt werden. Der Auspuff allerdings ist etwas lieblos verlegt, der Tankschluss des linken Knies wird dadurch behindert. Hier wird die Anpassungsfähigkeit des hartgesottenen Enduro-Fahrers angesprochen. Wenn er sich das gefallen lässt, dann ist ja alles okay. Für eventuelle Stürze liegt der Auspuff jedenfalls so richtig. Die deutliche Trennung des leistungsbestimmenden und des dämpfenden Teils beim Auspuff sieht nicht gerade harmonisch aus, hat aber sicher ihren tieferen Sinn. Vielleicht nehmen die Amerikaner in der Wüste gerne den Dämpfer ab, um die Klapperschlangen zu beeindrucken? Überhaupt muss beim Betrachten dieses Motorrades immer wieder seine Bestimmung für den amerikanischen Markt berücksichtigt werden. Der eigenartige Kettenschutz, zum Beispiel, wurde vom dortigen Händler so entworfen. Die Naben sehen aus, als ob sie noch von den Modellen der 50er Jahre stammten, sind also bewährt, nur sicher etwas schwer. Die Bremsen reichen aus.

Soweit das ohne Wüstenerfahrung festgestellt werden kann, scheint die Puch 175 ... eine wirklich feine Enduro zu sein. Wie zu hören war, soll sie in Kürze auch auf dem deutschen Markt angeboten werden, so mit ABE und allen bei uns nötigen niedrigen und höheren Weihen. Eine Maschine für Geländewettbewerbe wird das dann aber nicht. Dem stehen schon die „Weihen" im Wege. Wer unbedingt will, kann mit geringfügigen Änderungen eine GS daraus machen.
Wozu wird die „Enduro auf deutsch" dann zu gebrauchen sein? Auf jeden Fall zum Brötchenholen oder zum Stadtbummel, denn genügend aufregend sieht sie aus. Zu Sonntagsausfahrten auf kurvigen, engen und eventuell geschotterten Straßen und endlich zum Räubern in ihrem Element, im Gelände, falls der glückliche Besitzer dazu Gelegenheit hat. Vielleicht gibt sich der Hersteller in Graz auch noch einen Stoß und baut uns ein Straßenmodell. Viele Änderungen sind dafür ja nicht nötig, oder?

Hubert Hohenlohe.

Technische Daten

 

Puch 175 Enduro

 

Einzylinder Zweitaktmotor, schlitzgesteuert
Bohrung x Hub 62 x 56 mm
Hubraum 169 ccm
Leistung 21 PS bei 8700 U/min
Drehmoment 1,9 mkg
Bing-Zentralschwimmervergaser Ø = 32 mm
Klauengeschaltetes Fünfganggetriebe
Tankinhalt neun Liter
Gewicht 119 kg ohne Kraftstoff
Radstand 1390 mm
Bodenfreiheit 260 mm
Sitzhöhe 820 mm
Lenkerbreite 800 mm
Höhe über alles 1130 mm
Fußrastenhöhe 310 mm
Fußrastenbreite 440 mm.

 

Quelle

"Das Motorrad"
1973, Heft 25.
Hubert Hohenlohe

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